Notfallpädagogik

Was ist ein Psychotrauma? – Aspekte zum Verständnis der Psychotraumatologie

ÜbersichtsbildImmer wieder geraten Kinder in traumatische Lebenssituationen. Neben von Menschen verursachten Gewalterfahrungen (Misshandlung, Vernachlässigung, Folter, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Bullying u.s.w.) kommt es zu traumatischen Gewalterfahrungen durch anonyme Menschengruppen (Krieg, Terror, Vertreibung, Flucht, Gefangenschaft, Haft).

Es gibt aber auch traumatische Erfahrungen durch Naturkatastrophen (Erde: Erdbeben, Erdrutsch; Wasser: Tsunami, Flut, Überschwemmung; Luft: Sturm, Orkan, Tornado; Feuer: Vulkan, Feuerbrünste) und traumatische Gewalterfahrungen durch Zivilisation und Technik (Unfälle, Explosionen). Schließlich geschehen Traumatisierungen durch medizinische Notfälle und Krankheiten (lebensbedrohende Erkrankungen, Operationen, Transplantationen, medizinische Notfälle) und Trennungserfahrungen (Tod, Scheidung, Umzug u.s.w.). Je nach Art, Intensität und Dauer der traumatischen Erfahrung können sich weitreichende Folgen für die Betroffenen ergeben.

Einteilungsarten

Wie man Psychotraumata einteilen kann

Art der Gewalterfahrung nach Morschitzky

Individuelle Gewalt:

als Opfer oder Zeuge von Verbrechen, Misshandlungen, Folter, Gewalt in der Familie, angedrohter Ermordung.

Kollektive Gewalt:

Erfahrung von Krieg, Terroranschläge, Luftschutzkellerlerbnisse, Verschleppung, Verfolgung, Vertreibung, Haftbedingungen, u.s.w..

Naturkatastrophen

Brände, Erdbeben, Überschwemmungen, Bergrutsche, Lawinenunglücke, Tornados, Vulkanausbrüche u.s.w.. Erdbeben sind unter den Naturkatastrophen besonders verunsichernd, weil sich das scheinbar festeste und sicherste Element, der Erdboden, als unzuverlässig, ja lebensbedrohend erweist.

Technikkatastrophen:

Zeugen oder Beteiligte bei Explosionen, Unfällen aller Art, u.s.w..

Körperliche und psychische Extrembelastungen:

Gehirnblutungen, Schmerzzustände, schwerer allergischer Schock, überlebter Herzstillstand, Transplantationen, lebensbedrohliche Erkrankungen, u.s.w..

Dauer der Gewalteinwirkung (nach Terr, 1995)

Typ I – Trauma:

Dabei handelt es sich um eine einmalige traumatische Erfahrung (Monotrauma), z.B. Überfall, Unfall, Vergewaltigung, kriminelle Gewalterfahrung, technische Katastrophen u.s.w.. Bei Typ I-Traumata treten i.d.R. die typischen Symptome einer einfachen posttraumatischen Belastungsstörung auf.

Typ II – Trauma:

Typ II-Traumata sind Mehrfachtraumatisierungen; d.h. wiederholte, lang andauernde, fortgesetzte traumatische Erfahrung;, die i.d.R. zu einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung führen. Zu den typischen Typ II-Traumata gehören z.B. Krieg, sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, Vernachlässigung, Geiselhaft, Folter, Kriegsgefangenschaft und KZ-Erfahrung.

Opferarten

Die Betroffenen traumatischer Ereignisse können zu folgenden Gruppen zusammengefasst werden, wobei die Einteilung keine Aussage über den Schweregrad der Traumatisierung zulässt (Mitchell/Everly, 2001, 137):

Primäropfer:

Primäropfer sind unmittelbar vom traumatischen Geschehen betroffen. Zu ihnen zählen z.B.: Unfallverletzte, Opfer von Misshandlung und Missbrauch, Vergewaltigungsopfer, Verbrechensopfer, Opfer von Naturkatastrophen. Primäropfer bedürfen einer angemessenen medizinischen Notfallbehandlung und psychosozialer Akuthilfe. Die psychologische Unterstützung dient einer ersten Stabilisierung und der möglichen Vermeidung psychischer Folgestörungen. Treten psychische Folgestörungen z.B. in Form einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf, bedarf es einer individuellen Weiterbehandlung und einer Traumatherapie.

Sekundäropfer:

Sekundäropfer werden durch Ihre Zuschauer oder Zeugenfunktion oder durch die Hilfestellung für die Primäropfer traumatisiert. Zu ihnen zählen z.B.: Zeugen, Zuschauer, Einsatz- und Rettungskräfte, Helfer, Krankenhauspersonal, Therapeuten. Während Zeugen, Zuschauer und freiwillige Helfer meist unvorbereitet der traumatischen Situation ausgesetzt sind, verfügen Rettungs- und Einsatzkräfte sowie professionelle Helfer über eine Ausbildung und Erfahrung im Umgang mit belastenden Ereignissen. Sie werden vor allem durch die immer wiederkehrende Konfrontation mit traumatischen Ereignissen gefährdet. Sekundäropfer bedürfen der psychologischen Stabilisierung nach Beendigung des Hilfseinsatzes.

Tertiäropfer:

Tertiär werden Berichte oder Nachrichten über das traumatische Geschehen traumatisiert. Zu ihnen zählen z.B.: Familienangehörige, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Mitschüler. Tertiäropfer können durch die Nachricht vom Notfall in eine traumatische Krise geraten. Auch sie benötigen soziale und psychologische Hilfe.

Besondere Opfergruppen:

Zu besonderen Opfergruppen nach traumatischen Ereignissen gehören neben alten Menschen, Ausländern, Menschen mit Behinderung, psychisch Kranken auch Kinder: Die Bewältigungsmöglichkeiten traumatischer Ereignisse hängen u.a. stark vom kognitiv-emotionalen Entwicklungsstand des Kindes ab. Kinder interpretieren Notfälle und traumatische Ereignisse sowie ihre Folgen auf allen denkbaren Ebenen anders als Erwachsene. Deshalb müssen notfallpsychologische und therapeutischen Interventionen sich am kognitiv-emotionalen Entwicklungsstand des Kindes orientieren.

Verlauf

Wie ein Psychotrauma verlaufen kann

Nach einem traumatischen Ereignis kann es zu einer schockbedingten Akutphase kommen, die bis zu zwei Tagen anhalten kann.

Danach kann eine bis zu vier Wochen dauernde Phase folgen, die als Belastungsreaktion bezeichnet wird. Während dieser Zeit können unzählige Symptome in unterschiedlichen Schweregraden auftreten: Konzentrationsprobleme, Motivationsschwierigkeiten, zwanghafte Erinnerungen an das traumatische Geschehen (Flashback) oder Amnesie, Lähmungen oder Hyperaktivität, Schlafstörungen, Essstörungen, Regressionen (Daumenlutschen, Einnässen, Babysprache usw.), Ängste, Aggressionen, Depressionen, irrationale Schuld- und Schamgefühle, innere Gefühlstaubheit und jede Art psycho-somatischer Erkrankungen (Verstopfung, Durchfall, Bauch- und Kopfschmerzen, Rückenprobleme, Allergien, Asthma, Infektionsanfälligkeit usw.). Diese Symptome bedeuten in der Phase der Belastungsreaktion keine Krankheit. Sie sind normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse. Sie sollten innerhalb von vier Wochen immer mehr nachlassen und schließlich aufhören.

Wenn die Symptome aber nicht nachlassen, sondern evtl. sogar zunehmen, dann kommt es zur eigentlichen Krankheit, der Posttraumatischen Belastungsstörung. Jetzt bedarf es professioneller traumatherapeutischer Behandlung. Erhalten die Betroffenen keine Hilfe, kann die Störung über viele Jahre anhalten und chronifizieren.

Chronifizierte Posttraumatische Belastungsstörungen können zu Anhaltenden Persönlichkeitsveränderungen führen. Jetzt droht die Biografie auseinander zu brechen. Beziehungen zerbrechen, Suchtverhalten oder kriminelle Entwicklungen können auftreten.

Trauma-Symptome

Welche Trauma-Symptome bei Kindern und Jugendlichen auftreten können

Kinder zeigen nach traumatischen Ereignissen, die sie nicht verarbeiten konnten, oft alterspezifische Symptome. Diese traumatischen Symptombildungen sind vom Alter und dem kognitiven, emotionalen und sozialen Reifungsgrad des Kindes abhängig.

Kinder bis zum dritten Lebensjahr:

  • Veränderungen von Gewohnheiten und Verhaltensmustern
  • Regression in frühere Entwicklungsstufen
  • Häufiges, nicht erklärbares Weinen
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen
  • Kommunikationsstörungen

Kinder vom dritten bis zum neunten Lebensjahr:

  • Ängste
  • Phobien
  • Schlafstörungen
  • Albträume
  • Regression (z.B. Bettnässen, Daumenlutschen, Einkoten, Babysprache)
  • Nachspielen traumatischer Erlebnisse
  • Geringe verbale Kommunikation

Kinder vom neunten bis zum vierzehnten Lebensjahr:

  • Ängste um andere
  • Angst vor traumarelevanten Reizen
  • Konzentrationsprobleme
  • Gedächtnisstörungen
  • Lernschwierigkeiten
  • Zwanghaftes Nachspielen traumatischer Situationen
  • Verhaltensänderungen (z. B. Aggression, Rückzug, Passivität)
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen
  • Körperliche Symptome (z.B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Herzklopfen)
  • Eltern sollen nicht mit ihren Problemen belastet werden

Jugendliche ab dem vierzehnten Lebensjahr:

  • schwerwiegende Verhaltensauffälligkeiten
  • antisoziales Verhalten
  • Gereiztheit
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch
  • Sozialer Rückzug
  • Perspektivelosigkeit
  • Veränderung der Wertvorstellungen und Lebenseinstellung bezüglich zwischenmenschlicher Beziehungen
  • Suizidalität
  • Andere psychische Erkrankungen (z. B. Psychosen, Borderline, Depression)

Störungsbilder

Auf Grund einer traumatischen Erfahrung kann es zu folgenden medizinisch diagnostizierbaren Störungsbildern kommen:

Anpassungsstörung

Bei der Anpassungsstörung handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach einem belastenden Lebensereignis auftreten. Die Belastung kann u.a. das soziale Netz betreffen (Trennung, Trauerfall), das Umfeld sozialer Unterstützung, soziale Werte (bei Flucht) u.s.w..

Akute Belastungsreaktion

Nach einem traumatischen Ereignis können die Betroffenen mit unterschiedlichsten Symptomen reagieren. Einige reagieren mit Panikattacken, Angst und Verzweiflung. Sie sind hyperaktiv, nervös und planlos. Andere reagieren scheinbar völlig gefasst, fast gefühllos und automatenhaft. Meist erleben sie sich als von sich und ihrer Umgebung entfremdet. Wieder andere erscheinen gespenstisch, apathisch und teilnahmslos. Die Geschehnisse ihrer Umgebung scheinen keinen Bezug zu ihnen zu haben. Diese Symptome treten oft bei ein und derselben Person in raschem Wechsel auf. Wenn Menschen auf extremes Geschehen mit heftigen Symptomen reagieren spricht man von einer „Akuten Belastungsreaktion“. Ihre Diagnose beinhaltet folgende Leitlinien: „Es muss ein unmittelbarer und klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen einer ungewöhnlichen Belastung und dem Beginn der Symptome vorliegen. Die Reaktion beginnt innerhalb weniger Minuten, wenn nicht sofort. Es tritt ein gemischtes und gewöhnlich wechselndes Bild auf; nach dem anfänglichen Zustand von einer Betäubung werden Depression, Angst, Verzweiflung, Überaktivität und Rückzug beobachtet. Kein Symptom ist längere Zeit vorherrschend. Die Symptome sind rasch rückläufig, längstens innerhalb von wenigen Stunden., wenn eine Entfernung aus der belastenden Umgebung möglich ist. In den Fällen, in denen die Belastung weiter besteht oder in denen sie naturgemäß nicht reversibel ist, beginnen die Symptome in der Regel nach 24 bis 48 Stunden abzuklingen und sind gewöhnlich nach drei Tagen nur noch minimal vorhanden“ (WHO, 1993, 168).

Jedoch bei nicht allen Betroffenen verlieren sich die Symptome nach Stunden oder Tagen. „… für einige hält der Zustand an, die Betroffenen erleben sich als losgelöst von sich selbst, verloren in einer fremden Welt der unkontrollierbaren Destruktion“ (Krüsmann, Müller-Cyran, 2005, 49).

Akute Belastungsstörung

Nach den DSM-IV Kriterien besteht eine Akute Belastungsstörung dann, wenn die Person mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert war, während dem sie Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen empfand und dissoziative Symptome erlebte. Ein wesentliches Kriterium der Akuten Belastungsstörung ist das Auftreten dissoziativer Symptome. „Dissoziation“ nennt man den Zustand, in dem das Bewusstsein nicht mehr in der Lage ist, die Informationen von außen und von innen sinnvoll in Einklang zu bringen. Das Ereignis und das dazugehörige Gefühl werden voneinander gespalten.

Dissoziation taucht häufig im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen auf und wird auch als Gefühl beschrieben, „neben sich zu stehen“. Als Folge eines dissoziativen Zustandes kann es sein, dass sich eine Person nicht mehr an wichtige Dinge erinnern kann, sich wie betäubt fühlt und keine Gefühle mehr haben kann.

Bei der „peritraumatischen Dissoziation“ handelt es sich um einen Spaltungsvorgang „bei dem es zu einer Zersplitterung von Denkprozessen, Gefühlen, der Wahrnehmung und dem Verhalten einer Person in ihren Zeit- und Raumeszusammenhängen kommt“ (Krüsmann, Müller-Cyran, 2005, 49). Bruchteile von Sekunden werden als Ewigkeit erlebt, Schmerz wird nicht wahrgenommen und es herrscht Totenstille in einer lärmenden Umgebung. Der Betroffene nimmt seine Umwelt ausschnitthaft, wie durch einen Tunnel wahr.

Bei Dissoziationen handelt es sich meist um einen Rückzugsmechanismus aus einer unerträglichen Realität (Kapfhammer, Dobmeier, Ehrentraut, Rothenhäusler, 2001).

Dissoziationen ermöglichen als Abwehr- oder Bewältigungsmechanismus einen Schutz vor ansonsten überwältigenden Gefühlserfahrungen. Diese Abwehr birgt aber die Gefahr von grundlegenden Veränderungen des Selbst- und Identitätsgefühls, von Störungen der Gedächtnisfunktionen und der Selbst- und Umweltwahrnehmung. Durch all dies kann eine konstruktive Bewältigung und Überwindung des Traumas beeinträchtigt werden. Hat sich der dissoziative Zustand auch nach Tagen nicht gelöst, d.h. die Betroffenen empfinden sich noch immer neben sich stehend „wie in einem falschen Film“, so spricht man von einer „persistierenden Dissoziation“. Diese Aufrechterhaltung des dissoziativen Zustandes ist das bedeutsamste Kriterium „für die Diagnose einer Akuten Belastungsstörung“ (Krüsmann, Müller-Cyran, 2005, 49).

Ähnlich wie bei der Posttraumatischen Belastungsstörung müssen in der Folge Symptome des Wiedererlebens, des Vermeidungsverhaltens und des erhöhten Erregungsniveaus auftreten. Die Person muss unter den Symptomen leiden, die mindestens zwei Tage höchstens jedoch vier Wochen lang innerhalb von vier Wochen nach dem Erlebnis auftreten. Halten die Symptome länger an, sind wahrscheinlich die Kriterien für eine vorerst akute Posttraumatische Belastungsstörung gegeben.

Posttraumatische Belastungsstörung

Von Posttraumatischer Belastungsstörung spricht man, wenn die Symptome der Akuten Belastungsstörung länger als vier Wochen anhalten. Bei den Symptomgruppen: Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung handelt es sich um die Kernsymptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung.

Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung

Eine andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung kann einer Posttraumatischen Belastungsstörung folgen, ist aber auch ohne diese denkbar, wenn von einer zuvor bestehenden Vulnerabilität ausgegangen werden muss. Bei dem Störungsbild der andauernden Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung werden interaktionelle Veränderungen als Folge einer Traumatisierung beschrieben: feindlich, misstrauische Haltung der Um- und Mitwelt gegenüber, sozialer Rückzug, Hoffnungslosigkeit, Entfremdung, Gefühl der Leere, Gefühl des Bedrohtseins und Nervosität.

Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren bestehen und nicht auf bereits zuvor bestehenden Persönlichkeitsstörungen, anderer psychischer Störungen oder Gehirnerkrankungen beruhen.