Notfallpädagogik

Wenn man die Krise zur Chance wendet

Mögliche positive biografische Auswirkungen bewältigter traumatischer Lebensereignisse

Die Bezeichnung „Krise“ hat immer doppelte Bedeutung. Sie steht für Gefährdung und Chance. Nachdem in der Forschung die Untersuchungen lange fast ausschließlich den psychopathologischen Folgen traumatisierenden Geschehens galten, werden in neuerer Zeit auch positive, persönlichkeitsverändernde Auswirkungen traumatischer Ereignisse für die Betroffenen nach erfolgreicher Bewältigung untersucht (Tedeschi/Park/Calhoun, 1998).

Die Untersuchungen haben gezeigt, „dass bedrohliche Ereignisse nicht nur mit einem erhöhten Risiko für psychische Störungen einhergehen, sondern betroffene Personen auch Möglichkeiten und Chancen zur persönlichen und zum inneren Wachstum bieten“ (Landolt, 2004, S.104).

Der reale „Zuwachs an innerer Reife“ (Hausmann, 2006, S. 156), den viele Menschen nach positiver Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beschreiben (Frankl, 1973; Ulich, 1987; Schaefer/Moos, 1992) muss allerdings von der „defensiven Illusion“ (Hausmann, 2006, S. 156) des Wunsches nach Selbstberuhigung unterschieden werden. „Auch sozialer oder religiöser Druck sowie Selbstüberforderung durch zwanghaft `positives Denken` können den Schein einer `Pseudo-Reifung` erzeugen (…)“ (ebd.). Hieraus entsteht kein realer posttraumatischer Wachstumsprozess (Maercker/Zöllner, 2004).

„Reales posttraumatisches Wachstum führt zu einem veränderten Verhältnis sich selbst, dem Mitmenschen, der Welt und dem Leben als Ganzes gegenüber“ (Hausmann, 2006, S. 156). Nachfolgend sollen einige Aspekte positiver Auswirkungen bewältigter traumatischer Ereignisse kurz skizziert werden (Landolt, 2004, S. 104f):

Nach erfolgreich bewältigten extremen Belastungen erfolgt oft eine qualitativen Verbesserung menschlicher Beziehungen, vor allem zu Familienangehörigen aber auch zu anderen Mitmenschen. Die Kommunikation wird offener gestaltet, der Aufbau von Beziehungen erscheint leichter. Im Beziehungsgeschehen tritt eine erhöhte Sensibilität ein.

Ferner kann nach erfolgreicher Bewältigung belastender Lebensereignisse eine Erweiterung der Lebensperspektiven erfolgen. Es kommt oft zur Bildung neuer Interessen und neuer Zielsetzungen. Das eigene Leben wird neu gestaltet, neue Schwerpunkte werden gesetzt und neue Lebensperspektiven entwickelt. Dabei ist auffallend, dass vor allem der Beziehungspflege hohe Priorität beigemessen wird und ein neuer Umgang mit der Zeit erfolgt.

Meist erfolgt nach positiver Bewältigung eines Psychotraumata auch ein Zugewinn an Vertrauen, Selbstbewusstsein, Reife und emotionaler Stärke. Man kann dann von einer Persönlichkeitsreifung sprechen. „Das Wissen um die erfolgreiche Bewältigung einer schwierigen Situation führt dazu, dass der Mensch an Sicherheit gewinnt, auch zukünftige Belastungen bewältigen zu können. Damit einher geht eine Stärkung des Selbstvertrauens“ (ebd., S. 105).

Wer an der Schwelle des Todes gestanden hat und nur knapp dem Tod entronnen ist, erfährt oft auf Grund der außergewöhnlichen Erfahrung eine spirituell-religiöse Vertiefung. Das Psychotraumata kann eine vertiefte Auseinandersetzung mit existenziellen Themen und Fragestellungen auslösen.

Nach der Überwindung schwerer Belastungen fällt es vielen Betroffenen leichter Prioritäten zu setzen und Unwesentliches von Wesentlichem zu unterscheiden. Die Lebensführung wird von den Betroffenen als bewusster beschrieben. Eine vertiefte Wertschätzung des eigenen Lebens ist meist die Folge einer positiven Traumabewältigung.